Renaturierungs-Programm im Herz der Nordsee gestartet: BUND

Ein internationales Team von Meeres- und Naturschützer*innen hat auf der Doggerbank, der größten Sandbank in Mitten der Nordsee, 15.000 Pferdemuscheln ausgesetzt. Dies ist ein großer Schritt in einem ehrgeizigen Renaturierungs-Programm, um verschwundene Muschelarten und die von ihnen gebildeten Riffe wieder in das Herz der Nordsee zurückzubringen (Quelle: BUND).
BUND - Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland
Merkmale
Pilotprojekt für Artenvielfalt: Renaturierungs-Programm im Herz der Nordsee
Fakten
Neue Chancen für Riffe im internationalen Lebensraum auf der Doggerbank
15.000 Pferdemuscheln für Doggerbank-Renaturierung ausgesetzt
Muschelriffe sollen in die Nordsee zurückkehren
Wenn die Initiative erfolgreich ist, wird ab 2027 eine groß angelegte Wiederherstellung dieser wichtigen Lebensräume für Fische, Meeressäugetiere und Seevögel in Angriff genommen.
Isabelle Maus, BUND-Expertin für Meeresschutzgebiete: „In unserem internationalen Programm 'Rewilding Doggerbank' arbeiten wir mit Partnerorganisationen aller Doggerbank-Anrainerstaaten an der Renaturierung der Doggerbank. Sie ist die größte unterseeische Sandbank in der Nordsee. Ihr Meeresboden war früher eine Quelle des Lebens mit einer Vielfalt an Lebensräumen, darunter auch Riffe. Doch nach jahrhundertelanger intensiver Fischerei mit Grundschleppnetzen wurde der Boden kahlgeschlagen. Eine spontane Erholung ohne Unterstützung ist deshalb nicht zu erwarten.“
Die Aussetzung der Muscheln erfolgte im Rahmen einer Expedition in Zusammenarbeit mit der Stiftung Doggerland, ARK Rewilding Nederland, der Blue Marine Foundation und der Atlantic Technological University. An vier Standorten auf der Doggerbank wurden Pferdemuscheln in verschiedenen Strukturen auf dem Meeresboden platziert. Nun kann im Rahmen des laufenden Projekts beobachtet werden, was diese Muscheln tatsächlich benötigen, um Riffe zu bilden. Dieses Experiment ist ein erster Schritt auf dem Weg zu einer Ausweitung der Renaturierung in den kommenden Jahren.
Aufbau von Pferdemuschelriffen ist ein Novum
Maus: „In der Nordsee wurden bereits viele Erfahrungen mit der Wiederherstellung von Riffen der Europäischen Auster gesammelt. Die Wiederherstellung von Pferdemuschelriffen ist ein Novum. Diese Pionierarbeit weit draußen auf dem Meer birgt neue Herausforderungen, denn das internationale Team sieht sich mit anderen und noch anspruchsvolleren Bedingungen konfrontiert. Wenn diese Pferdemuscheln hier überleben und sich gar fortpflanzen können, rückt die Zukunftsperspektive einer gesunden Doggerbank mit einem artenreichen und lebendigen Meeresboden nach Jahrhunderten des Rückgangs wieder in greifbare Nähe. Das ist eine gute Nachricht für die gesamte Nordsee.“
Die Pferdemuschel ist ein echter Ökosystembildner, eine riffbildende Art, die auch als historische Art im deutschen Meeresschutzgebiet auf der Doggerbank gelistet ist. Unter den richtigen Bedingungen bauen die Muscheln Schale für Schale neue Riffe auf, die zahlreiche Spalten, Ecken und Löcher bieten: Perfekt für verschiedene Tierarten, um darin zu leben, Schutz zu suchen, Eier abzulegen und sich zu ernähren. Auf der Suche nach Nahrung filtern die Muscheln feine Partikel aus dem Wasser. Was sie nicht verdauen können, scheiden sie als zusammenklebende Pseudofaeces (Scheinkot) aus. Damit tragen sie zur Wasserreinigung und zur Stabilisierung des Bodens und des Riffs bei. So bildet das Riff auf dem Meeresboden eine wichtige Grundlage für ein gesundes und starkes Ökosystem auf der Doggerbank.
Doggerbank ist "Kinderstube" für zahlreiche Arten
Trotz des stark geschwächten Zustands der Doggerbank leben dort nach wie vor bedrohte und geschützte Arten. Es ist ein Laichgebiet für Haie, Rochen, Kabeljau, Makrelen, Heringe, Wittlinge und Seezungen. Es dient als Aufzuchtgebiet und Nahrungsgebiet für Schweinswale, Zwergwale, Kegelrobben, Basstölpel, Papageientaucher, Trottellummen, Algen und andere geschützte Seevögel.
Maus: „Ökosysteme können sich selbst regenerieren, wenn man ihnen nur die Chance dazu gibt. Und das bedeutet: In geschützten Meeresgebieten wie diesem dürfen keine schädlichen Aktivitäten mehr zugelassen werden. Und dort, wo sich die Natur nicht von selbst erholen kann, helfen wir durch die aktive Wiederherstellung von Muschelriffen.“
Ein weitere Baustein für das Renaturierungsprogramm auf der Doggerbank wird derzeit im WILD-Projekt des BUND zusammen mit dem Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung und der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung erarbeitet. Gemeinsam werden weitere geeignete Gebiete, Habitate und Schlüsselarten im deutschen Schutzgebiet auf der Doggerbank identifiziert und bewertet. Darauf aufbauend sollen Konzepte für konkrete Renaturierungsmaßnahmen unter Einbindung von Behörden, Politik und relevanten Interessengruppen entwickelt, getestet und umgesetzt werden.
Hintergrund
Die Doggerbank ist mit einer Fläche von rund 25.000 Quadratkilometern etwa siebenmal so groß wie Mallorca und damit die größte Sandbank inmitten der Nordsee. Sie erstreckt sich über die Meeresgewässer von Großbritannien, den Niederlanden, Deutschland und Dänemark. Die heute überspülte Sandbank bildete vor Tausenden von Jahren eine Landbrücke zwischen England und dem Festland. Durch ihre geringe Wassertiefe von zehn bis 40 Metern ist sie ein besonders artenreicher Lebensraum und Zuhause für viele Arten wie Schweinswale, Seehunde, Minkwale, Riesenhaie und Weißschnauzendelfine.
Der deutsche Teil der Doggerbank wurde 2017 zum Meeresschutzgebiet erklärt. Auch Großbritannien und die Niederlande haben das Gebiet unter Schutz gestellt. Meeresschutzgebiete wie die Doggerbank sind unverzichtbar, um die biologische Vielfalt der Erde zu erhalten. Die Ausweisung eines Schutzgebietes allein sagt jedoch noch nichts über die erlaubten Nutzungen aus. Ohne spezifische Verbote dürfen auch zerstörerische Praktiken wie die Grundschleppnetzfischerei dort weiter stattfinden. Seit November 2025 ist etwa die Hälfte des deutschen Schutzgebiets für die Fischerei mit Grundschleppnetzen gesperrt. Mehr Informationen:
- BUND-Seite: Die Doggerbank: Das Herz der Nordsee
- Webseite Rewilding Doggerbank
- BUNDfunk Folge 5 – Meeresschutz: Wie wir die Vielfalt der Meere schützen (YouTube)
Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) ist mit mehr als 676.000 Mitgliedern und Unterstützer*innen einer der größten Umweltverbände Deutschlands. Seit über 50 Jahren engagiert er sich unter anderem für eine ökologische Landwirtschaft, den Klimaschutz, den Schutz bedrohter Arten, des Waldes und des Wassers. Finanziert durch Spenden und Mitgliedsbeiträge ist der BUND unabhängig von Politik und Wirtschaft. Regelmäßig legt der BUND mit dem Jahresbericht seine Tätigkeiten und Finanzen offen. Transparenz verstehen wir als ein Zeichen des Respekts gegenüber allen, die uns unterstützen und unsere Unabhängigkeit sichern.

